Vom Piloten zum Produkt: Was REWE digital über das Skalieren von Innovationen verrät

Vom Piloten zum Produkt: Was REWE digital über das Skalieren von Innovationen verrät

Der Pilot läuft. Die Zahlen sehen gut aus. Und dann? In der Praxis scheitern Retail-Innovationen nicht selten genau an diesem Punkt – zwischen ermutigenden Testergebnissen und der tatsächlichen Ausrollung auf Tausende Filialen. REWE digital hat sich dieser Herausforderung systematisch gestellt und dabei ein Modell entwickelt, das im Handel Schule machen könnte.

Der Feind des Fortschritts: der ewige Pilot

Das Grundproblem ist strukturell. Neue Technologien – ob autonome Kassen, KI-gestützte Personalisierung oder Logistik-Automatisierung – lassen sich in einem kontrollierten Umfeld gut erproben. Doch der Weg von einem Testmarkt zur flächendeckenden Realität ist mit organisatorischen, technischen und kulturellen Hürden gepflastert. Anika Vooes, die bei REWE digital den Bereich Research & Innovation verantwortet, hat dieses Muster vielfach beobachtet – und beschreibt im Gespräch mit W&V, wie das Unternehmen systematisch gegensteuert.

Der Kernansatz: Innovationen werden von Beginn an wie Produkte behandelt, nicht wie Experimente. Das bedeutet konkret einen strukturierten Stage-Gate-Prozess mit Business-Case-Bewertung und definierten Pilotphasen – flexibel genug, um Erkenntnisse einzuarbeiten, aber verbindlich genug, um echte Skalierungsentscheidungen zu erzwingen. Wer ein Projekt durch das Gate bringen will, muss belegen, dass es über tausende Märkte und Millionen Kunden trägt.

Die 80-Prozent-Entscheidung

Einer der prägnantesten Punkte aus dem REWE-digital-Ansatz ist die bewusste Auseinandersetzung mit einer scheinbar simplen Frage: Reichen 80 Prozent Automatisierung mit menschlicher Kontrolle – oder braucht es die volle 100-Prozent-Lösung? Diese Unterscheidung klingt technisch, hat aber massive strategische Konsequenzen. Wer immer auf 100 Prozent besteht, riskiert, nie fertig zu werden. Wer 80 Prozent unreflektiert akzeptiert, riskiert Qualitätsverluste an kritischen Kundenschnittstellen.

REWE digital plädiert dafür, diese Entscheidung aktiv und explizit zu treffen – nicht als technische Randnotiz, sondern als strategische Weichenstellung. Das verhindert, dass anfängliche Begeisterung für eine neue Lösung später in Enttäuschung umschlägt, weil Erwartungen und Realität auseinanderfallen. Diese Spannung zwischen Machbarkeit und Perfektion kennen auch viele mittelständische Onlinehändler gut – etwa beim Thema KI-gestützter Produktsuche.

KI dezentralisieren: Das Ambassador-Programm

Technologie allein skaliert nicht – Menschen müssen mitgenommen werden. REWE digital hat dafür Anfang 2026 ein AI Ambassador-Programm als Pilot gestartet. Mitarbeitende aus verschiedenen Fachbereichen werden zu internen KI-Ansprechpartnern ausgebildet, aufgeteilt in drei Tracks: Tech, Business und Hybrid. Das Programm umfasst rund vier Stunden pro Woche über zwei Monate – mit dem Ziel, KI-Kompetenz dezentral in die Fläche zu tragen statt sie zentral zu horten.

Die Logik dahinter ist überzeugend: Wer in der Logistik oder im Einkauf arbeitet, kennt die konkreten Schmerzpunkte und Use Cases des eigenen Bereichs besser als jedes zentrale KI-Team. Ambassadors sollen diese Lücke schließen – als Übersetzer zwischen technischer Möglichkeit und betrieblichem Alltag. Das ist kein Schulungsprogramm, sondern ein Befähigungsmodell, das auf Community und Praxistransfer setzt. Ähnliche Dynamiken zeigen sich auf breiterer Ebene: Mehr als die Hälfte der Selbständigen nutzt KI – doch echte Adoption entsteht erst durch Befähigung, nicht durch Tool-Deployment.

Konkrete Anwendungsfälle: Von Pick&Go bis Coupon-Texten

Was bedeutet das in der Praxis? REWE digital arbeitet auf mehreren Ebenen parallel. Im stationären Handel wurde das kassenloses Pick&Go-Format nach Tests in Köln und Berlin inzwischen in einen vollautonomen Markt in München überführt – ein Paradebeispiel für den eigenen Stage-Gate-Ansatz. Im digitalen Bereich fließt generative KI bereits in die Bonus-App ein, etwa für KI-generierte Coupon-Texte. Das Spin-off fulfillmenttools positioniert sich derweil als Agentic Order Management System, das regelbasierte Logik schrittweise durch KI-Agenten ersetzt und dafür kürzlich den K5 Commerce Award 2026 gewann.

Damit adressiert REWE digital genau das, worüber die gesamte Branche spricht: Consumer Agents und autonome Commerce-Prozesse sind kein Science-Fiction-Szenario mehr, sondern werden aktiv in bestehende Handelsstrukturen eingebettet.

Was andere Händler davon lernen können

REWE digital ist kein Kleinunternehmen – mehr als 2.700 Spezialistinnen und Spezialisten arbeiten an elf Standorten in fünf Ländern. Dennoch sind die strukturellen Lektionen übertragbar. Drei Prinzipien stechen heraus:

Produktorientierung statt Projektdenken. Innovationen brauchen von Anfang an klare Eigentümerschaft, messbare KPIs und einen definierten Weg zur Skalierung – kein Ablaufdatum nach dem Piloten.

Dezentralisierung von KI-Kompetenz. Wer KI nur in der IT-Abteilung verankert, verliert den Anschluss an operative Realitäten. Multiplikatoren in Fachbereichen beschleunigen die echte Adoption.

Die 80/100-Entscheidung explizit führen. Nicht jede Lösung muss perfekt sein. Aber die Entscheidung, was akzeptable Automatisierung ist, muss bewusst getroffen – und kommuniziert – werden.

Gerade im DACH-Handel, wo viele Unternehmen noch mit der Frage ringen, wie KI vom Experiment zur Betriebsrealität wird, liefert REWE digital ein handfestes Modell. Das Ergebnis: weniger Pilotfriedhöfe, mehr alltagstaugliche Lösungen.

Quellen

Beitragsbild: Foto von Jack Sparrow auf Pexels

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