Jeff Bezos schreibt Schecks. Große. Im Juni tätigte sein Family Office Bezos Expeditions fünf Direktinvestitionen in KI-Startups – und positionierte sich damit laut dem Datenanbieter Fintrx als aktivstes Family-Office der Welt, gemessen an Direktbeteiligungen in diesem Jahr. Zehn Prozent aller Family-Office-Deals im Juni gingen auf das Konto von Bezos Expeditions. Das ist kein Streufeuer, sondern eine klare Wette auf die nächste Phase der KI.
Prometheus: Der künstliche Ingenieur
Das Gravitationszentrum des Portfolios ist Prometheus. Die Runde war mit zwölf Milliarden Dollar Series-B-Kapital außergewöhnlich groß – das Unternehmen wird inzwischen mit rund 41 Milliarden Dollar bewertet und hat insgesamt bereits mehr als 18 Milliarden Dollar eingesammelt. Bezos ist nicht nur Investor, sondern Co-CEO: Erstmals seit seinem Rückzug von der Amazon-Spitze 2021 übernimmt er wieder eine operative Führungsrolle, gemeinsam mit Co-CEO Vik Bajaj, Stanford-Professor und Mitgründer des Alphabet-Forschungslabors Verily.
Was will Prometheus? Das Unternehmen zielt darauf ab, für Ingenieurwesen und physische Fertigung das zu leisten, was Large Language Models für Text geleistet haben. Bezos nennt das einen „Artificial General Engineer“ – ein KI-System, das den Weg von der Idee zum fertigen Objekt drastisch verkürzt. Trainiert wird nicht auf Texten aus dem Internet, sondern auf Daten der physischen Welt: Physikgesetze, Testdaten, Kooperationen mit Fertigungsunternehmen. Das Ziel, so Bezos gegenüber CNBC: „den Erfindungsloop beschleunigen.“ Prometheus beschäftigt rund 150 Mitarbeitende in San Francisco, London und Zürich und betreibt einen eigenen GPU-Cluster.
Dahinter steckt noch eine zweite Ambition: Berichten zufolge arbeitet Bezos an einem 100-Milliarden-Dollar-Fonds namens „Manufacturing Transformation Vehicle“, der bestehende Industrieunternehmen übernehmen und mit Prometheus-Modellen automatisieren soll – ein direkter Angriff auf die physische Wirtschaft.
Vier weitere Wetten: Breite statt Tiefe
Während Prometheus die meiste Zeit von Bezos bindet, ergänzte sein Family Office vier weitere Startups mit jeweils neunstelligen Investitionsrunden:
CuspAI baut KI-Grundlagenmodelle für die Chemie- und Materialwissenschaft. Bezos Expeditions ko-leitete eine 400-Millionen-Dollar-Runde, die die Bewertung des Unternehmens auf 2,6 Milliarden Dollar mehr als vervierfachte. Die Idee: Statt jahrelanger Laborarbeit liefert CuspAI neue Materialien nach Kundenwunsch – von CO₂-bindenden Substanzen bis zu Halbleiter-Materialien. Bestehende Kunden sind ASML, Meta und Hyundai. Zu den wissenschaftlichen Beratern zählen KI-Pioniere wie Geoffrey Hinton und Yann LeCun.
Generalist arbeitet daran, Robotern immer komplexere Aufgaben beizubringen – über sogenanntes Robot Learning. Das Startup sammelte 400 Millionen Dollar ein und erhöhte damit sein Gesamtkapital auf über eine halbe Milliarde Dollar. Bezos Expeditions war bereits Bestandsinvestor und beteiligte sich erneut.
Flourish entwickelt KI-Modelle, die vom menschlichen Gehirn inspiriert sind – neuromorphe Ansätze, die anders als klassische Transformer-Architekturen funktionieren. Das Startup schloss eine 500-Millionen-Dollar-Runde bei einer Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar ab; Bezos steuerte knapp 100 Millionen Dollar bei. Auch hier ko-leitete Bezos Expeditions die Runde.
General Intuition trainiert räumliche KI-Modelle – und nutzt dafür Millionen von Stunden Videospiel-Gameplay. Das Unternehmen schloss eine 320-Millionen-Dollar-Series-A-Runde bei einer Bewertung von 2,3 Milliarden Dollar ab. Bemerkenswert: Auch Hillspire, das Family Office von Ex-Google-CEO Eric Schmidt, beteiligte sich an dieser Runde.
Was das Portfolio verrät
Die fünf Investments sind auf den ersten Blick heterogen – Chemie, Robotik, Neuromorphik, Spatial AI, Industrial AI. Auf den zweiten Blick steckt eine klare Logik dahinter: Alle fünf Startups arbeiten an der Schnittstelle zwischen KI und der physischen Welt. Es geht nicht um weitere Chatbots oder Content-Tools, sondern um KI, die Atome, Moleküle, Maschinen und Raum versteht. Das ist die nächste Front der KI-Entwicklung – und Bezos setzt früh und breit darauf.
Dass Bezos eine KI-Blase für wenig bedrohlich hält, hat er mehrfach öffentlich erklärt: Selbst wenn sich überhöhte Bewertungen korrigieren, fließe das Kapital in Infrastruktur und Daten – und die bleiben. Diese Haltung erklärt die Geschwindigkeit, mit der Bezos Expeditions vorgeht. Das Family Office ist laut Fintrx-Daten inzwischen das aktivste seiner Art weltweit mit acht Direktinvestitionen in Privatunternehmen allein in diesem Jahr.
Für Gründerinnen und Gründer im DACH-Raum ist das ein Signal: Das globale Smart Money bewegt sich weg von reinen Softwaremodellen und hin zu KI, die reale Prozesse verändert – eine Entwicklung, die auch beim KI-Startup Subquadratic sichtbar wird, das mit neuartiger Modellarchitektur Hardware-Effizienz neu denkt. Und wer glaubt, KI sei primär ein Spielfeld für Textgeneratoren, sollte das Portfolio von Bezos Expeditions als Korrektiv lesen.
Apropos Bezos und KI im Kontext: Die Investitionswelle trifft auf eine Welt, in der KI-Agenten zunehmend eigenständig handeln – und auf einen europäischen Markt, der seine Abhängigkeit von US-amerikanischen KI-Infrastrukturen gerade erst zu begreifen beginnt. Europas KI-Abhängigkeit ist dabei nicht nur eine technologische, sondern zunehmend auch eine kapitalseitige Frage – denn die großen Runden entstehen weiterhin fast ausschließlich in den USA.
Quellen
- Gründerszene / Business Insider DE – Amazon-Gründer Jeff Bezos investiert in diese fünf KI-Startups
- CNBC – Jeff Bezos‘ family office backed five AI startups in June
- PYMNTS – Jeff Bezos‘ Family Office Accelerates AI Bets
- Trending Topics – Prometheus: Jeff Bezos‘ KI-Startup mit 41 Mrd. Dollar Bewertung
- SiliconAngle – AI material discovery startup CuspAI reportedly raising $400M round
Beitragsbild: Foto von www.kaboompics.com auf Pexels
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