Der Markt für Lagerautomatisierung wächst rasant. Laut dem World Robotics Report 2025 der International Federation of Robotics wurden allein 2024 weltweit rund 102.900 Roboter für Transport und Logistik verkauft – und der globale Markt soll bis 2035 auf über 97 Milliarden US-Dollar anwachsen. Wer als Onlinehändler ein eigenes Lager betreibt, kommt an der Frage nach Automatisierung kaum noch vorbei. Doch ein neues Whitepaper von Universal Robots und Mobile Industrial Robots (MiR) liefert eine unerwartete Hauptthese: Über den Erfolg entscheidet nicht die Zahl der eingesetzten Roboter, sondern deren intelligente Koordination durch eine übergeordnete Software-Schicht.
Cobots und AMRs: Zwei Technologien, ein Problem
Autonome mobile Roboter (AMRs) übernehmen heute vor allem Materialtransporte, Teilezuführung und Kommissionierprozesse – sie navigieren eigenständig durch Lagerhallen, erkennen Hindernisse in Echtzeit und passen ihre Routen dynamisch an. Kollaborative Roboter (Cobots) wiederum arbeiten direkt neben Menschen, übernehmen repetitive oder ergonomisch belastende Aufgaben und erhöhen die Sicherheit in dynamischen Umgebungen. Beide Technologien ergänzen sich also auf dem Papier ideal.
Das Problem: In der Praxis agieren viele dieser Systeme als Insellösungen. AMR-Flotte hier, Cobot-Station dort – ohne gemeinsame Datengrundlage entstehen Reibungsverluste statt Effizienzgewinne. Wer zehn Roboter kauft, ohne eine integrierende Software-Plattform zu betreiben, kauft de facto zehn separate Kostenstellen. Das ist die zentrale Warnung aus dem Whitepaper der beiden Hersteller.
Software als Nervensystem der Intralogistik
Die entscheidende Komponente ist ein übergeordnetes Warehouse-Management- oder Fleet-Management-System, das sämtliche Geräte in Echtzeit koordiniert. Nur so lassen sich Aufgaben dynamisch verteilen, Engpässe früh erkennen und Systeme bei Bedarfsspitzen skalieren. Moderne AMR-Systeme führen laut aktuellen Branchenberichten zu bis zu 80 Prozent weniger Arbeitsunfällen und reduzieren Wegzeiten von Mitarbeitenden um 30 bis 40 Prozent – aber nur dann, wenn die Steuerungsebene stimmt.
Das deckt sich mit einer breiteren Marktbeobachtung: Anfang 2026 setzte bereits über 80 Prozent aller Großlager auf Automatisierung, wobei AMRs das operative Rückgrat bilden. Gleichzeitig gilt Deutschland als besonders herausfordernd: WMS, AMR, Robotik und Fördertechnik müssen in einer einheitlichen IT-Landschaft zusammenspielen – was in der Praxis oft an Systemkomplexität und Fachkräftemangel scheitert.
Ein weiterer Trend, der die Software-Frage noch dringlicher macht: Mobile Manipulatoren – Roboter, die nicht nur fahren, sondern auch greifen und heben können – verbinden Navigation mit Greiftechnik und stellen noch höhere Anforderungen an die koordinierende Steuerungsebene. Wer diese Systeme einführt, ohne die Software-Infrastruktur vorzubereiten, schafft sich neue Komplexität, keine Lösung.
Was Onlinehändler konkret ableiten sollten
Für Händler mit eigenem Lager – ob mittelgroßes Fulfillment-Center oder wachsendes D2C-Versandlager – bedeutet das eine klare Reihenfolge: erst Prozess, dann Technologie, dann Hardware. Wer Automatisierung mit dem Kauf von Maschinen beginnt, ohne zuvor Datenpunkte, Schnittstellen und Steuerungslogik zu definieren, riskiert teure Fehlinvestitionen. Das gilt umso mehr, wenn – wie bei vielen DACH-Händlern – bestehende Systeme wie Warenwirtschaft oder ERP integriert werden müssen.
Ein schrittweises Vorgehen empfiehlt sich: mit Pilotprojekten starten, messbare KPIs definieren (Picks pro Stunde, Fehlerquote, Durchlaufzeit) und die Software-Plattform als strategische Entscheidung behandeln – nicht als Beiwerk zur Hardware. Gartner zufolge erwarten 75 Prozent der Unternehmen, bis 2026 mindestens einen Prozess in ihrer Lieferkette zu automatisieren. Das zeigt: Die Frage ist längst nicht mehr ob, sondern wie.
Besonders relevant ist das auch vor dem Hintergrund wachsender KI-Integration in Lagersysteme. Ähnlich wie KI-gestützte Consumer Agents den Einkaufsprozess verändern, verändert KI in der Intralogistik den gesamten Fulfillment-Prozess – vom Wareneingang bis zum Versand. Und so wie im E-Commerce fehlende Nutzerforschung zu wertlosen Features führt, führt im Lager fehlende Software-Strategie zu ungenutzter Hardware.
Fazit: Roboter sind Mittel, nicht Zweck
Das Whitepaper von Universal Robots und MiR fasst einen Trend zusammen, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Lagerautomatisierung ist kein Hardwareprojekt. Sie ist ein Systemdesign-Problem. Cobots und AMRs sind leistungsstarke Werkzeuge – aber ohne eine koordinierende Software-Intelligenz bleiben sie teure Einzellösungen. Wer jetzt in Automatisierung investiert, sollte die Software-Schicht zur Chefsache machen. Der ROI hängt daran.
Quellen
- Wortfilter – Lagerautomatisierung: Warum Roboter allein nicht reichen
- Industriemagazin – Lagerautomatisierung 2026: KI und Robotik definieren die Logistik neu
- Industriemagazin – Logistik-Revolution: Diese Wachstumszahlen zeigen, wohin die Automatisierung steuert
- Borncity – AMR-Markt erreicht 5,18 Milliarden Euro durch kognitive Roboter
- Exotec – Lagerautomatisierung: Welche Vorteile hat der Einsatz von Robotik in der Logistik?
- Xpert Digital – Warehouse Automation Worldwide
Beitragsbild: Foto von Kindel Media auf Pexels
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