Mehr Nachrichten, weniger Substanz: Warum KI-Kommunikation im E-Commerce nach hinten losgehen kann

Mehr Nachrichten, weniger Substanz: Warum KI-Kommunikation im E-Commerce nach hinten losgehen kann

Das Paradoxon: Mehr KI-Expertise, schlechtere Kommunikation

Noch nie gab es so viele selbsternannte KI-Experten. LinkedIn ist voll davon. Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – sinkt die Qualität der Kommunikation. Eine Auswertung von 1.224 LinkedIn-Nachrichten bringt das Muster auf den Punkt: Technischer Fortschritt und kommunikative Qualität laufen gerade auseinander. Der Befund stammt aus einem Expertenbeitrag auf etailment und trifft einen Nerv, der weit über LinkedIn hinausreicht – direkt in die Kundenkommunikation des Onlinehandels.

Das eigentliche Problem ist kein technisches. Es ist ein menschliches. Wer glaubt, dass das Reden über KI dasselbe ist wie das Verstehen von KI, setzt das Tool vor die Strategie. Und wer KI einsetzt, ohne vorher Zielgruppe, Botschaft und Mehrwert definiert zu haben, baut – wie es im Beitrag treffend heißt – das Haus vom Dach her.

„AI Slop“: Ein neuer Begriff für ein altes Problem

Das Phänomen hat mittlerweile sogar einen eigenen Namen bekommen. Das Macquarie Dictionary, die maßgebliche Referenz für australisches Englisch, kürte „AI slop“ zum Wort des Jahres 2025 – definiert als minderwertigen, von generativer KI erzeugten Inhalt, der häufig Fehler enthält und vom Empfänger gar nicht angefordert wurde. Kurz darauf zog Merriam-Webster, das führende amerikanische Wörterbuch, mit dem Begriff „slop“ nach. Beide reagierten auf dieselbe Flut maschinell erzeugter Inhalte, die Posteingänge und Feeds überschwemmt.

Für E-Commerce-Unternehmen ist das keine abstrakte Sprachdebatte. Wer Newsletter, Produkttexte oder CRM-Kampagnen unkritisch per KI automatisiert, riskiert genau diesen Effekt: mehr Volumen, weniger Wirkung. Und während die Öffnungsraten sinken, steigt der Reputationsschaden.

Warum Relevanz der neue knappe Rohstoff ist

Wenn neunzig Prozent der Kommunikation Lärm sind, wird Relevanz zum wertvollsten Rohstoff im Postfach. Das klingt banal, hat aber konkrete Konsequenzen für die Praxis. Eine Sinch-Studie zur Kundenkommunikation zeigt: Mehr als 40 Prozent der Verbraucher sind bereits heute frustriert über zu häufige oder inhaltlich übermäßige Nachrichten – egal ob es sich um Marketing-Botschaften oder Kundeninformationen handelt. 97 Prozent der befragten Unternehmen nutzen oder planen gleichzeitig den Einsatz von KI in der Kundenkommunikation. Die Schere zwischen Anbieter-Absicht und Kunden-Erlebnis könnte kaum größer sein.

Ähnliches gilt für Social Media: KI-generierter Content flutet Feeds und Timelines – effizient, skalierbar, aber oft ohne echte Substanz. Kunden spüren genau, ob Inhalte austauschbar sind oder ob dahinter tatsächlich Haltung und Expertise stehen. Das ist auch für Händler relevant, die ohne echtes Verständnis ihrer Nutzer entwickeln und kommunizieren – und sich dann wundern, warum die Resonanz ausbleibt.

Drei Fragen, bevor die KI den Versand-Button drückt

Aus dem analysierten Muster lassen sich drei konkrete Handlungsempfehlungen für E-Commerce-Entscheider ableiten:

Erstens: Qualität vor Quantität. Mehr Nachrichten, die niemanden interessieren, sind kein Fortschritt – sie beschädigen die Marke. Wer seine KI-Kapazitäten nutzt, um zehnmal so viele E-Mails zu verschicken, ohne die Relevanz zu erhöhen, verschwendet Budget und verspielt Vertrauen.

Zweitens: Die richtige Reihenfolge einhalten. Strategie kommt vor Technik. Zielgruppe, Botschaft und konkreter Mehrwert für den Kunden müssen feststehen, bevor ein Tool ausgewählt oder ein Prompt geschrieben wird. Das gilt für den Outreach genauso wie für automatisierte Produktkommunikation oder den Umgang mit KI-gesteuerten Einkaufsagenten, die zunehmend als Zwischenstufe zwischen Händler und Endkunde agieren.

Drittens: Die eigene KI-Kommunikation kritisch hinterfragen. Erhöht der KI-Einsatz die Qualität der Botschaften – oder nur deren Menge? Diese einfache Frage sollte vor jedem Roll-out stehen. Menschliche Kontrolle bleibt dabei unverzichtbar: Generierte Inhalte brauchen Überarbeitung, Kontext und redaktionelles Urteil.

Das eigentliche Paradoxon

Der technische Fortschritt mit KI ist real und beeindruckend. Aber er löst kein strategisches Denken ab. Das eigentliche Paradoxon besteht nicht darin, dass alle über KI reden – sondern darin, dass viele das Reden über KI mit dem Verstehen von KI verwechseln. Im E-Commerce bedeutet das: Wer KI als Abkürzung für Kundennähe missversteht, erreicht das Gegenteil. Personalisierung war jahrelang versprochen und selten eingelöst. Jetzt, wo die Werkzeuge es technisch ermöglichten, scheitert es an der Strategie dahinter.

Das erinnert an frühere Technologiewellen – auch beim Web 2.0 war die Debatte oft eine über das „Wann“ statt über das „Warum“. Wer heute auf Retention statt auf Reichweite setzt und Kommunikation konsequent aus Kundenperspektive denkt, hat einen echten Wettbewerbsvorteil – unabhängig davon, welches KI-Tool er dafür nutzt.

Quellen

Beitragsbild: Foto von Tara Winstead auf Pexels

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