Die Schreibtische stehen noch, Kaffeebecher sind halbvoll, Post-its kleben an den Wänden. Wer die verlassenen Büros und Produktionshallen des Flugtaxi-Startups Lilium in Oberpfaffenhofen bei München betritt, hat das Gefühl, als hätte das Team nur kurz die Arbeit unterbrochen. Dabei ist das Kapitel bereits seit Monaten geschlossen – jedenfalls vorläufig.
Zwei Insolvenzen, null Abheben
Die Geschichte klingt wie ein Lehrstück für alles, was im Startup-Ökosystem schiefgehen kann. Seit 2015 arbeiteten Ingenieure aus der Technischen Universität München an einem vollelektrischen Senkrechtstarter – dem Lilium Jet. Rund 1,5 Milliarden Euro flossen in das Vorhaben, Investoren wie Tencent, Atomico und Palantir standen dahinter, über 780 Jets waren in einer Auftragspipeline gelistet. Der erste bemannte Flug war für 2025 geplant, die Marktreife für 2026.
Im Oktober 2024 war das Geld dann weg. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte eine 50-Millionen-Euro-Bürgschaft für eine geplante KfW-Wandelanleihe verweigert – damit fehlte die letzte Brückenfinanzierung. Lilium meldete Insolvenz in Eigenverwaltung für seine deutschen Töchter Lilium GmbH und Lilium eAircraft GmbH beim Amtsgericht Weilheim an. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen knapp 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Oberpfaffenhofen.
Was dann folgte, las sich zunächst wie eine Rettung: An Heiligabend 2024 übernahm ein Investorenkonsortium unter dem Namen Mobile Uplift Corporation die operativen Vermögenswerte. Über 200 Millionen Euro frisches Kapital wurden in Aussicht gestellt, gekündigte Mitarbeiter kamen zurück an die Arbeitsplätze, das Unternehmen wurde in Lilium Aerospace umbenannt. Doch das Weihnachtswunder hielt keine zwei Monate. Im Februar 2025 folgte die zweite Insolvenz – zugesagte Investorengelder, darunter angeblich 150 Millionen Euro eines slowakischen Investors, blieben aus.
Die Kettenreaktion: Mitarbeiter, Zulieferer, Partner
Der Absturz blieb nicht auf Lilium beschränkt. Das Batterie-Startup CustomCells aus Itzehoe, seit 2021 wichtiger Lieferant für die Flugtaxi-Zellen, geriet durch offene Forderungen in zweistelliger Millionenhöhe selbst in die Insolvenz. Für ein Unternehmen, das bis 2024 seinen Umsatz verdreifacht und durchgehend Gewinne geschrieben hatte, ein bitteres Ende.
Für die ehemaligen Lilium-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter gab es zumindest eine kleine Erleichterung: Sie durften ihre persönlichen Gegenstände aus Büros und Hangars in Oberpfaffenhofen abholen, und seit Mitte Juni fließt rückwirkend staatliche Arbeitslosenhilfe – die zuvor verweigert worden war.
Versagt der Standort oder die Förderlogik?
Der Fall Lilium hat eine Debatte ausgelöst, die weit über ein einzelnes Startup hinausgeht. Kritiker sehen im Rückzug des Bundes ein Symptom einer strukturellen Schwäche: In Deutschland werde, so der Vorwurf, lieber auf „risikoärmere und schneller monetarisierbare Projekte“ gesetzt, als echte Deep-Tech-Wetten zu halten. Lilium war eines der wenigen europäischen Startups, das in einer Technologiekategorie mitspielte, die global stark besetzt ist – eVTOL-Konkurrenten wie Joby Aviation in den USA sind börsennotiert und staatlich gefördert.
Andererseits: Im ersten Halbjahr 2024 allein verbrannte Lilium rund 190 Millionen Euro, ohne ein einziges kommerzielles Flugzeug ausgeliefert zu haben. Die Frage, ob eine Staatsbürgschaft das Scheitern nur um ein oder zwei Jahre verschoben hätte, bleibt berechtigt. Das strukturelle Problem – ein Hardware-intensives Produkt in einem unregulierten Luftraum mit unklarem Zertifizierungsweg – lässt sich mit Kapital allein nicht lösen.
Dieses Muster ist nicht neu. Wer sich anschaut, wie schwer es schon für kleine VC-Fonds ist, im aktuellen Marktumfeld Kapital zu einzusammeln, versteht, wie eng der Spielraum für kapitalintensive Deeptech-Wetten geworden ist. Und auch der Trend weg von externem Kapital hin zu bootstrapped Modellen zeigt: Gründer passen ihr Verhalten dem Markt an – der für Liliums Kategorie schlicht nicht bereit war.
Ein neuer Versuch – mit Skepsis
Knapp sechs Monate nach der zweiten Insolvenz gibt es erneut Kaufinteressenten. Die Ambitious Air Mobility Group (AAMG) – ein Joint Venture aus Luxemburg, Spanien und Dubai, bestehend aus Luxaviation, Sigma Air Mobility und der Ambitious Group – verhandelt über den Erwerb von Schlüsselvermögen und Technologien. Laut Berichten soll das Konsortium bereits Anlagen in Oberpfaffenhofen angemietet haben, 250 Millionen Euro gelten als gesichert, ein weiterer Kapitalrahmen von 500 Millionen Euro ist in Aussicht.
Die Skepsis bleibt berechtigt. Nahezu alle ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben sich inzwischen neue Stellen gesucht – gerade im technisch gut versorgten Münchener Raum ist das schnell gegangen. Viele Zulieferer zeigen nach zwei Insolvenzen wenig Bereitschaft, erneut in Vorleistung zu gehen. Und die Zertifizierung eines eVTOL-Luftfahrzeugs ist ein kostspieliger Mehrejahrsprozess, der unabhängig davon läuft, wie viel Geld ein Konsortium ankündigt.
Was Gründer und Investoren daraus lernen können
Lilium ist kein Beweis dafür, dass ambitionierte Technologie nicht aus Deutschland kommen kann. Es ist aber ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Kapitalplanung, regulatorische Realität und Produktkomplexität nicht aufeinander abgestimmt sind. Die Kombination aus Nasdaq-Listing, SPAC-Finanzierung und deutschen Behörden war strukturell fragil – und wurde es noch mehr, als globale Zinswende und Investorenzurückhaltung zusammentrafen.
Für Gründerinnen und Gründer in kapitalintensiven Kategorien gilt: Der Staat rettet nur selten, und wenn er es tut, dann spät. Für Investoren gilt: Buzzword-getriebene Valuation-Sprünge ohne Produktreife enden regelmäßig in genau dieser Art von Spirale. Und für den deutschen Startup-Standort gilt: Solange es kein funktionierendes Risikokapital-Ökosystem für Hardware-Startups gibt, werden die Liliums dieser Welt weiter zum Scheitern tendieren – unabhängig davon, wie viel Talent an Bord ist.
Quellen
- Gründerszene / Business Insider – Die verlassenen Lilium-Büros: Was vom deutschen Flugtaxi-Traum übrig ist
- Wikipedia – Lilium (Unternehmen)
- WirtschaftsWoche – CustomCells meldet wegen Lilium-Pleite ebenfalls Insolvenz an
- Börse Express – Lilium: Finanzchaos hinterlässt tiefe Spuren
- Leadersnet – Lilium soll für 250 Millionen Euro gerettet werden
- ch-aviation – Germany’s Lilium files for final insolvency
Beitragsbild: Foto von ROCCO STOPPOLONI auf Pexels
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