Konsolidierung, Kontrolle, Kannibalisierung: Was gerade mit dem europäischen E-Commerce passiert

Konsolidierung, Kontrolle, Kannibalisierung: Was gerade mit dem europäischen E-Commerce passiert

Wer den europäischen E-Commerce gerade beobachtet, sieht mehrere große Platten gleichzeitig in Bewegung. Der Lieferdienst-Markt konsolidiert sich im Eiltempo, ein chinesischer Konzern greift nach einem deutschen Elektronikhändler, der Otto-Konzern sortiert sich nach dem About-You-Abgang neu – und ein kaum bekannter Herausforderer will das nächste Shopee werden. Vier Entwicklungen, die zusammen mehr erzählen als jede für sich.

Delivery Hero: Berliner Plattform als globales M&A-Objekt

Die dramatischste Geschichte spielt sich rund um Delivery Hero ab. Uber hat dem Berliner Lieferdienst ein indikatves Übernahmeangebot zu je 33 Euro pro Aktie unterbreitet – das entspricht einer Bewertung von rund 10 Milliarden Euro. Das Pikante: Der Preis lag zum Zeitpunkt des Angebots gerade einmal drei Cent über dem letzten Schlusskurs vor Bekanntwerden der Gespräche. Eine echte Prämie war das nicht.

Delivery Heros Aktionäre sehen das genauso. Mehrere große Investoren signalisieren, dass sie einen Preis von über 40 Euro pro Aktie erwarten. Uber hält bereits 19,5 Prozent direkt und weitere 5,6 Prozent über Derivate – damit ist der Konzern schon heute größter Einzelaktionär. Den Anteil auf 30 Prozent oder mehr aufzustocken würde nach deutschem Übernahmerecht allerdings ein Pflichtangebot auslösen, was Uber bislang vermeiden will.

Parallel läuft DoorDash als Gegenspieler: Die US-Plattform, die 2025 bereits Deliveroo für 2,9 Milliarden Pfund übernommen hat, äußert Interesse an Delivery Heros lukrativem Nahost-Geschäft rund um die Marke Talabat. Delivery Hero selbst prüft im Rahmen einer strategischen Überprüfung auch einen Verkauf einzelner Regionen – etwa der Nahost- und Südkorea-Sparte – statt einer Komplettübergabe. Der frühere CEO Niklas Öestberg wurde unter Druck des aktivistischen Investors Aspex Management abgelöst; die Suche nach einem Nachfolger läuft bis Ende 2026.

Was steckt dahinter? Der Liefermarkt hat seine Wachstumsphase hinter sich. Skala, Profitabilität und Marktanteile dominieren jetzt die Agenda. Delivery Hero hat 2025 zum zweiten Mal in Folge positiven freien Cashflow erzielt – rund 250 Millionen Euro – und kommt auf über 50 Länderpräsenzen. Wer das übernimmt, kauft keine App, sondern jahrelang aufgebaute lokale Dichte: Restaurants, Kuriere, Zahlungsgewohnheiten, regulatorische Vertrautheit. Organic Entry wäre deutlich teurer.

MediaSaturn: Wenn Handelsgeschäfte zur Außenpolitik werden

Kaum weniger komplex ist die Lage bei MediaMarktSaturn. Der chinesische Konzern JD.com will die Mehrheit an der Ceconomy-Tochter übernehmen – das Bundeskartellamt hat bereits grünes Licht gegeben. Doch politisch bleibt der Deal heiß. Europäische Sicherheitsbedenken rund um chinesische Investitionen in kritische Handelsinfrastruktur machen aus einem Retaildeal einen politischen Spielball. Für Händler, die MediaSaturn als Absatzkanal oder Wettbewerber beobachten, ist relevant: Strategische Entscheidungen auf Konzernebene könnten sich verlangsamen oder komplett neu ausrichten, je nachdem, wer am Ende das Sagen hat.

Otto nach About You: Schrumpfen mit Würde

Der Otto-Konzern hat ein Umsatzjahr hinter sich, das die Dimension der About-You-Übergabe an Zalando sichtbar macht: Der Gruppenerlös fiel von 14,9 auf 13,8 Milliarden Euro. Zalando könnte im laufenden Geschäftsjahr erstmals an der Gesamtgruppe vorbeiziehen. Positiver Gegenakzent: Die Otto-Plattform selbst – also otto.de – wächst. Im Geschäftsjahr 2025/26 kletterte der GMV auf rund 7,5 Milliarden Euro, plus 6 Prozent. Der Marktplatz mit rund 6.100 Partnern wuchs dabei mit 9 Prozent schneller als das Eigenhandelsgeschäft. Retail Media und KI werden als nächste Wachstumshebel positioniert.

Das zeigt ein Muster, das für Händler auf großen Plattformen grundsätzlich gilt: Die Plattform selbst gewinnt strukturell an Macht, während einzelne Sortimentsträger kommen und gehen. Wer auf Otto verkauft, sitzt auf einem wachsenden Marktplatz – aber eben einem, der gerade seinen Platz im neu sortierten Wettbewerb sucht.

easyShop: Der europäische Shopee-Versuch

Abseits der großen Konzernbewegungen verdient easyShop Aufmerksamkeit. Die Plattform positioniert sich als europäischer Antwortversuch auf Shopee – also als Social-Commerce-getriebener, preisaggressiver Marktplatz mit Entertainment-Anspruch. Ob das realistisch ist, hängt von mehreren Faktoren ab: Shopees Erfolg in Südostasien basiert auf extrem günstiger Logistik, einem hohen Smartphone-Nutzungsgrad und dem Fehlen etablierter Alternativangebote. Europa bietet all das nicht. Dennoch zeigt die Debatte um easyShop, dass Marktteilnehmer aktiv nach dem nächsten Plattformmodell suchen – und dass Entertainment-Commerce und Social Shopping auch hierzulande an Fahrt gewinnen.

Was das für Onlinehändler bedeutet

Die vier Entwicklungen eint ein gemeinsames Muster: Konsolidierung auf allen Ebenen. Große Plattformen wachsen durch Übernahmen statt durch organisches Wachstum. Politische Rahmenbedingungen greifen stärker in Handelsentscheidungen ein, als es vor wenigen Jahren vorstellbar war. Und neue Herausforderer testen, ob europäische Konsumenten bereit sind, ihre Shopping-Gewohnheiten noch einmal grundlegend zu ändern.

Für Händler und Marketer im DACH-Raum gilt: Plattformabhängigkeiten werden nicht kleiner, sie verschieben sich. Wer heute stark auf Delivery Hero, MediaSaturn oder Otto setzt, sollte die Besitzerverhältnisse von morgen im Blick behalten. Und wer neue Kanäle sucht, sollte prüfen, ob die Aufmerksamkeitsökonomie tatsächlich neue Plattformkandidaten trägt – oder ob die nächste Welle wieder von den bekannten Akteuren gewonnen wird.

Quellen

Beitragsbild: Foto von Kampus Production auf Pexels

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