Gold aus Abwasser: Was das Berliner DeepTech-Startup wirklich macht

Gold aus Abwasser: Was das Berliner DeepTech-Startup wirklich macht

Das Prinzip: Abfall wird zur Ressource

In Produktionsstätten der Elektronik-, Galvanik- und Schmuckindustrie landen täglich winzige Mengen Gold, Palladium, Platin und Rhodium im Abwasser. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus technischer Unvermeidlichkeit: Spülbäder, Ätzlösungen und Prozesswässer nehmen Edelmetalle auf, die sich mit herkömmlichen Filtern kaum wirtschaftlich zurückgewinnen lassen. Genau hier setzt das Berliner Startup an, über das Gründerszene berichtet. Es entwickelt eine Technologie, die Chemikalien aus Wasser filtert und Edelmetalle gezielt zurückgewinnt.

Das Marktpotenzial ist real. Eine Studie der Arizona State University beziffert den Edelmetallgehalt von kommunalem Klärschlamm auf rund 280 Dollar je Tonne – hochgerechnet auf eine Millionenstadt entspricht das einem theoretischen Jahreswert von 13 Millionen Dollar. Bei Industrieabwässern aus der Mikroelektronik liegen die Konzentrationen noch deutlich höher: Aus rund einer Million Kubikmeter Prozesswasser lässt sich bei einem namhaften europäischen Zulieferer bereits heute Gold im Wert von rund 70.000 Euro pro Jahr herausholen – zuzüglich Palladium, Nickel und Kupfer.

Technologie im Wettbewerb

Das Berliner Startup ist nicht allein in diesem Feld, aber der Markt ist noch jung. Das französische Startup Magpie Polymers nutzt Polymer-Kügelchen mit einem Durchmesser von 0,5 bis 1 Millimeter, die pro Liter zwischen 100 und 150 Gramm an Edelmetallen aufnehmen können – und schafft dabei Restwerte von unter einem Milligramm pro Liter, deutlich unterhalb klassischer Verfahren. Der US-amerikanische Anbieter ElectraMet setzt auf Elektrolyse, bei der aufgelöste Metalle direkt als hochreines Feststoffmaterial an der Kathode ausgefällt werden. Forscher am Fraunhofer IFAM in Bremen arbeiten wiederum an spezialisierten Elektroden, die Lithium und Kobalt selektiv aus Batterie-Prozesswasser extrahieren – und die Effizienz des Gesamtprozesses laut eigenen Angaben um 30 bis 40 Prozent steigern könnten.

Der gemeinsame Trend hinter all diesen Ansätzen: weg vom Sondermüll-Denken, hin zur Kreislaufwirtschaft. Abwasser gilt nicht länger als Problem, das entsorgt werden muss, sondern als Inputstrom für wertvolle Sekundärrohstoffe. Das verändert auch die Investitionsrechnung: Wer bisher für Sonderabfallentsorgung zahlte, kann mit der richtigen Technologie zum Rohstofflieferanten werden.

Rückenwind durch EU-Politik und Rohstoffpreise

Der Markt für industrielle Abwasserbehandlung wächst messbar. Laut Fortune Business Insights lag das globale Marktvolumen 2025 bei rund 20 Milliarden US-Dollar und soll bis 2034 auf 32 Milliarden Dollar wachsen – ein jährliches Wachstum von 5,5 Prozent. Deutschland gilt dabei als Treiber im Segment Kreislaufwirtschaft und Membranbioreaktoren.

Politisch bekommt das Segment zusätzlichen Schub: Der EU Critical Raw Materials Act zwingt europäische Unternehmen, ihre Abhängigkeit von Primärrohstoffen zu reduzieren und Recyclingquoten zu erhöhen. Deutschland reagiert darauf auch mit direkter Förderung – SPRINDs Tech Metal Transformation Challenge schüttet 1,5 Millionen Euro Startkapital an Projekte aus, die kritische und Edelmetalle aus Industrieabfällen zurückgewinnen. Dass die Fachvereinigung Edelmetalle 2025 als Rekordjahr für die deutsche Edelmetallindustrie ausgerufen hat, zeigt den kommerziellen Kontext: steigende Preise, wachsende Nachfrage aus Elektronik, Energiewende und Digitalisierung.

Gleichzeitig bleibt die technologische Herausforderung erheblich. Bisherige Methoden arbeiten oft mit hochgiftigen Substanzen wie Cyanid oder Quecksilber. Neuere Verfahren versuchen, darauf zu verzichten – etwa durch Oxidationsmittel auf Kaliumperoxid-Basis oder elektrochemische Prozesse ohne Säure- und Baseneinsatz. Wer diese Effizienzlücke schließt und gleichzeitig industriell skalierbar bleibt, hat einen echten Wettbewerbsvorteil.

Einordnung: DeepTech mit langen Atem

Das Berliner Startup bewegt sich in einem Segment, das sich von klassischen Software-Startups fundamental unterscheidet. Hier geht es nicht um schnelle Nutzeradoption oder Viral Loops, sondern um Pilotanlagen, Zulassungsverfahren und Industriepartnerschaften. Das kostet Zeit und Kapital – und erklärt, warum der globale Wettbewerb in diesem Bereich noch vergleichsweise überschaubar ist.

Für den DACH-Raum ist die Ausgangslage interessant: Deutschland verfügt über eine dichte Industriestruktur aus Galvanik-, Elektronik- und Pharmabetrieben, die alle edelmetallhaltiges Abwasser produzieren. Die regulatorischen Anforderungen steigen. Und der politische Wille, kritische Rohstoffe wieder mehr im eigenen Land zu sichern, wächst – wie zuletzt Deals rund um Europas Tech-Ökosystem zeigen. Das schafft ein Fenster für DeepTech-Startups, die bisher als zu nischig galten.

Zu berücksichtigen ist aber auch: Das wirtschaftliche Risiko liegt weniger in der Technologie als in der Skalierung. Viele Verfahren, die im Labor beeindrucken, scheitern an der industriellen Durchsatzrate oder an den Kosten pro aufbereiteter Tonne. Die Frage, ob sich Niedrigtemperaturverfahren gegen klassische Schmelzhüttenprozesse behaupten können, ist noch nicht abschließend beantwortet. Wer hier investiert – sei es als Industriepartner, als Fördergeber oder als Risikokapitalgeber – braucht einen langen Atem. Das gilt gerade in einem Marktumfeld, in dem, wie zuletzt auf Marktnotiz analysiert, Kapital 2026 selektiver fließt als noch vor zwei Jahren.

Spannend bleibt: Das Abwasserthema berührt nicht nur die Metall- und Elektronikindustrie. Auch die Pharmaindustrie, Halbleiterfertigung und Batteriemontage produzieren Prozesswässer mit rückgewinnbaren Wertstoffen. Wer frühzeitig modulare, skalierbare Lösungen für mehrere dieser Branchen anbieten kann, erschließt ein Marktpotenzial, das weit über das einer klassischen Wasseraufbereitungsfirma hinausgeht – und trifft gleichzeitig auf wachsendes Investoreninteresse im DeepTech-Bereich.

Was das für Gründer und Investoren heißt

1. Industriepartnerschaften früh suchen: Edelmetallrückgewinnung aus Abwasser ist kein B2C-Thema. Der Einstieg gelingt über konkrete Pilotprojekte mit Galvaniken, Elektronikunternehmen oder Pharmabetrieben im DACH-Raum – idealerweise dort, wo bereits Abwasserentsorgungskosten anfallen und der Umstieg auf Rückgewinnung direkt gegengerechnet werden kann.

2. Regulatorischen Rückenwind einpreisen: Der EU Critical Raw Materials Act und strengere Einleitgrenzwerte für Industrieabwässer sind kein Zukunftsszenario, sondern bereits geltendes Recht. Für Industrieunternehmen im DACH-Raum bedeutet das: Technologien zur Metallrückgewinnung werden mittelfristig von einer Option zur Pflicht. Wer heute skalierbare Lösungen evaluiert, spart morgen Compliance-Kosten.

3. Förderprogramme aktiv nutzen: SPRIND, Horizon Europe und nationale DeepTech-Förderprogramme haben explizit kritische Rohstoffe und Kreislaufwirtschaft als Prioritäten definiert. Für Startups in diesem Bereich lohnt sich die Prüfung von Non-Dilutive Funding als Ergänzung zu klassischem Venture Capital – gerade in der kapitalintensiven Pilotphase.

Quellen

Beitragsbild: Foto von Tom Fisk auf Pexels

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