Wer durch die internen Projektlisten führender KI-Unternehmen scrollt, landet schnell im Gemüseregal: Knoblauch, Avocado, Erdbeere, Banane. Was absurd klingt, ist längst ein festes Muster in der Branche. OpenAI, Meta, Google und weitere Tech-Schwergewichte greifen bei der Benennung ihrer sensibelsten KI-Projekte auffallend oft auf Begriffe aus der Lebensmittelwelt zurück.
Garlic, Shallotpeat und die OpenAI-Küche
OpenAI hat laut einem Bericht des Branchenmediums The Information sein neues Large Language Model intern auf den Namen „Garlic“ getauft. Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Projekt – parallel dazu existiert ein weiteres Modell unter dem Codenamen „Shallotpeat“. Beide Namen setzen die kulinarische Tradition fort, die OpenAI schon länger pflegt: Das o1-Reasoning-Modell trug intern den Codenamen „Strawberry“ – ein Name, der mutmaßlich als selbstironischer Verweis auf die damals vieldiskutierte Schwäche von Sprachmodellen beim Buchstabieren des Wortes „Strawberry“ gewählt wurde.
Auch OpenAIs erster eigener KI-Chip trägt einen Lebensmittelnamen: „Jalapeño“ – ein Projekt, das weit über die Namenswahl hinaus strategische Bedeutung für die gesamte KI-Infrastruktur hat, wie wir in unserer Analyse zu OpenAIs Chip-Strategie beleuchtet haben.
Avocado bei Meta, Nano Banana bei Google
Meta soll sein nächstes Frontier-Modell intern „Avocado“ nennen – so berichtet CNBC. Dass Zuckerberg sich dabei von seiner Einkaufsliste inspirieren lässt, passt zum Selbstbild des Konzerns: lässig, zugänglich, trotz Milliardeneinsatz nahbar wirkend. Meta plant in diesem Jahr Investitionen von über 70 Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur – da kann der Codename ruhig etwas weniger nach Hochleistungsrechenzentrum klingen.
Google wiederum machte aus einem internen Codenamen kurzerhand einen öffentlichen Produktnamen: Der KI-Bildgenerator in Gemini heißt offiziell „Nano Banana Pro“ – ein Name, der intern offenbar so gut ankam, dass er direkt ins Produktmarketing wanderte. Außerhalb der Lebensmittelwelt experimentierte das französische KI-Startup Mistral AI mit dem Codenamen „Jaguar“ für ein Testmodell, während Elon Musks xAI eine frühe Grok-3-Version intern „Chocolate“ nannte.
Warum Lebensmittel? Drei Erklärungen
Die Frage, warum gerade Essbares so beliebt ist, lässt sich auf mehreren Ebenen beantworten. Erstens sind Lebensmittelnamen neutral und farblos genug, um keine Rückschlüsse auf Funktion oder Marktpositionierung zuzulassen – ein klassisches Prinzip für sichere Codenamen. Zweitens sind sie einprägsam: Ein Team, das täglich über „Garlic“ spricht, erinnert sich besser an den Projektstand als bei einer internen Alphanummerierung. Drittens signalisieren solche Namen kulturelle Lockerheit – besonders relevant in einer Branche, in der der Wettbewerb um Talente intensiv ist und das Arbeitsklima als Rekrutierungsfaktor gilt.
Das Muster ist übrigens nicht ganz neu in der Tech-Welt: Google nutzte jahrelang Dessert-Namen für Android-Versionen (Cupcake, Donut, Eclair, Froyo …), bevor der Konzern auf nüchterne Nummern umschwenkte. Die KI-Branche scheint nun eine ähnliche Phase zu durchleben – nur dass die Lebensmittelassoziationen diesmal nicht öffentlich vermarktet, sondern als interne Geheimsprache genutzt werden.
Was verrät der Name über das Produkt?
Manchmal steckt hinter der Namenswahl sogar ein inhaltlicher Kommentar. Der Knoblauch-Codename „Garlic“ soll laut Berichten auf die Architektur des Modells anspielen: klein, aber intensiv wirkend – ein Hinweis auf einen Effizienzansatz, bei dem kompakte Modelle maximale Rechenleistung liefern sollen. Das erinnert an Anthropics Entscheidung für das Modellfamilien-Trio „Opus“, „Sonnet“ und „Haiku“ – literarische Formen, die gleichzeitig die unterschiedlichen Komplexitätsstufen der Modelle widerspiegeln.
Für Gründer und Teams außerhalb der KI-Elite ist der Trend durchaus inspirierend: Codenamen sind ein Low-Cost-Werkzeug für Teamkultur und interne Kommunikation. Sie schaffen Identifikation mit einem Projekt, bevor ein Markenname steht – und halten Wettbewerber im Dunkeln. Wer seinen nächsten Launch gerade als „Projekt Mango“ plant, befindet sich in illustrer Gesellschaft.
Wie KI-Projekte kommuniziert werden – intern wie extern – ist übrigens eine unterschätzte strategische Frage. Dass Überinformation und unklare Positionierung im KI-Umfeld nach hinten losgehen können, zeigt unser Artikel über KI-Kommunikation im E-Commerce. Und wie Startups in einem durch Wagniskapital getriebenen Umfeld Identität und Unabhängigkeit ausbalancieren, beleuchtet unser Stück zu Gründern, die auf externes Kapital verzichten.
Quellen
- Gründerszene / Business Insider DE – Der KI-Obstkorb: So kreativ verschlüsseln Tech-Gründer ihre Projekte
- DNYUZ / Business Insider – From Garlic to Avocado: The goofy AI model codenames you should know
- Benzatine – The quirky food-inspired codenames of AI giants
Beitragsbild: Foto von Vitaly Gariev auf Pexels
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