Die Schlagzeile klingt zunächst nach guten Nachrichten: Der durchschnittliche Schaden, den Verbraucher in Deutschland durch Betrug im Onlinehandel erleiden, ist binnen eines Jahres von 763 auf 394 Euro gesunken – ein Rückgang von fast 50 Prozent. So steht es im aktuellen Adyen Retail Report, der Mitte Juni 2026 veröffentlicht wurde. Doch der zweite Blick trübt das Bild.
Mehr Betroffene, kleinere Einzelschäden
Der sinkende Durchschnittswert kaschiert eine gegenläufige Entwicklung: Der Anteil der Verbraucher, die innerhalb eines Jahres Betrugserfahrungen im Onlinehandel gemacht haben, stieg von 23 auf 25 Prozent. Betrug im digitalen Handel trifft also mehr Menschen – kostet sie im Einzelfall aber weniger. Das Risiko verteilt sich breiter, ohne teurer zu werden.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit 394 Euro Durchschnittschaden unter dem europäischen Mittelwert von 415 Euro. Polen (560 Euro), Belgien (529 Euro) und Tschechien (477 Euro) verzeichnen höhere Schäden. Den niedrigsten Wert weist Spanien mit 277 Euro aus.
Generation Z: Häufig betroffen, aber mit geringerem Schaden
Der Blick auf die Altersgruppen offenbart ein Paradox. In der Generation Z berichtet fast jeder zweite Befragte von Betrugserfahrungen im Onlinehandel – bei den Millennials sind es 38 Prozent. Mit steigendem Alter sinkt die Betroffenheitsquote deutlich: In der Generation X liegt sie bei 19 Prozent, bei den Babyboomern bei neun Prozent.
Bei der Schadenshöhe dreht sich das Verhältnis um. Jüngere Kunden geraten öfter an Betrüger, verlieren dabei aber im Schnitt weniger Geld: Die Generation Z kommt auf 376 Euro, Babyboomer hingegen auf 511 Euro pro Fall. Ältere Verbraucher werden seltener Opfer, zahlen aber teurer dafür.
Betrugsangst treibt Verbraucher in den stationären Handel
Besonders folgenreich für den E-Commerce: Fast jeder fünfte Verbraucher in Deutschland meidet inzwischen den Onlinehandel aus Angst vor Betrug und weicht auf stationäre Geschäfte aus. Im Vorjahr war es noch etwa jeder Achte. Diese Verschiebung betrifft ausgerechnet auch jüngere Konsumenten – obwohl sie dem digitalen Einkauf eigentlich nahestehen.
Das ist ein direkter Umsatzverlust, der sich nicht mit niedrigeren Schadensquoten aufrechnen lässt. Wer als Händler Bestandskunden verliert, weil das Vertrauen in Online-Transaktionen generell schwindet, spürt die Konsequenz unabhängig davon, ob sein eigener Shop tatsächlich betroffen ist. Ähnliche Vertrauensprobleme im Handel – etwa durch den Druck chinesischer Plattformen – haben wir bereits in unserem Artikel über TikTok Shop, Joybuy und Temu beleuchtet.
Händler unter Druck: KI auf beiden Seiten
Auch auf Unternehmensseite wächst der Druck. Bei 24 Prozent der Händler in Deutschland ist die Zahl der Betrugsversuche in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen – darunter Cyberangriffe, betrügerische Retouren und andere Missbrauchsformen. Jedes vierte Unternehmen verzeichnet dabei mehr KI-gestützte Betrugsversuche; bei mehr als jedem fünften Händler hat das bereits höhere Betriebskosten zur Folge.
Die Reaktion der Branche ist entsprechend: Fast ein Drittel der Unternehmen setzt mittlerweile KI ein, um verdächtige Transaktionen früher zu erkennen. Weitere 37 Prozent planen entsprechende Investitionen. KI ist damit nicht nur das Werkzeug der Angreifer – sondern zunehmend auch das der Verteidiger. Eine Entwicklung, die exemplarisch zeigt, wie stark technologische Dynamiken den gesamten E-Commerce-Betrieb prägen, wie wir auch im Überblick zu E-Commerce im Umbruch beschrieben haben.
Parallel dazu meldet der Verbraucherreport 2025 des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) grundsätzliche Vertrauensprobleme: 60 Prozent der Befragten fühlen sich vor Betrug oder unseriösen Anbietern nicht ausreichend geschützt. 65 Prozent sehen sich nicht gut genug gegen irreführende Werbung oder versteckte Kosten abgesichert. Die Verbraucherzentralen registrierten im ersten Halbjahr 2025 über 165.000 Beschwerden – ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, mehr als die Hälfte davon mit Bezug zu digitalen Angeboten.
Was Händler jetzt tun sollten
Für Shop-Betreiber im DACH-Raum ergeben sich drei konkrete Handlungsfelder. Erstens: Betrugsabwehr als eigenes Investitionsfeld verstehen – nicht als Randthema der IT-Abteilung. Wer KI-gestützte Betrugsmuster noch manuell prüft, verliert Zeit und Geld. Zweitens: Vertrauen aktiv kommunizieren. Zertifizierungen, transparente Rückgabeprozesse und klare Bezahlhinweise sind kein Nice-to-have, sondern Conversion-Faktoren. Drittens: Das Retourenthema im Blick behalten. Betrügerische Rücksendungen zählen laut Adyen zu den wachsenden Schadensquellen – und treffen Händler häufig ohne direkte Gegenmaßnahmen.
Die Zahlen zeigen: Das Problem löst sich nicht von selbst, auch wenn der Einzelschaden sinkt. Wer das Vertrauen seiner Kunden langfristig sichern will, muss Betrugsschutz als Teil der Markenführung begreifen – nicht nur als technische Pflichtaufgabe. Wie sich technologische Neuerungen und Konsumverhalten generell verändern, zeigt auch der Blick auf KI-Agenten als neue Einkaufsassistenten.
Quellen
- Wortfilter – Betrug im Onlinehandel: Mehr Opfer, kleinere Schäden
- GFM Nachrichten – Mehr Betrugsopfer im Onlinehandel
- Verbraucherzentrale Bundesverband – Verbraucherreport 2025
- Onlinemarktplatz.de – Schutz vor Betrug: Verbraucherreport 2025 zeigt digitale Lücken
- Retail News – Studie: Mehrheit der Verbraucher erlebt Betrugsversuche beim Online-Shopping
Beitragsbild: Foto von Kindel Media auf Pexels
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