Antler-Leak und die Hustle-Kultur: Was deutsche VCs wirklich von Gründern – und sich selbst – erwarten

Antler-Leak und die Hustle-Kultur: Was deutsche VCs wirklich von Gründern – und sich selbst – erwarten

Ein internes Dokument aus dem Berliner Büro des Frühphasen-Investors Antler kursiert in der deutschen Startup-Szene – und hat eine Debatte ausgelöst, die weit über einen einzelnen VC hinausgeht. Das Papier mit dem Titel „Berlin Office – How We Work“ beschreibt, wie das Team zusammenarbeiten soll: Kernarbeitszeiten von 9 bis 19:30 Uhr, Homeoffice nur in Ausnahmefällen, ein internes Ampelsystem für Krankmeldungen. Mehrere Mitarbeitende bestätigten die Echtheit des Dokuments gegenüber Gründerszene.

Antler relativiert – Anwalt sieht Probleme

Antler weist die Darstellung zurück: Das Papier sei aus Notizen eines Meetings dreier Teammitglieder entstanden, frei editierbar gewesen und habe lediglich festgehalten, wie das Team zusammenarbeiten wollte. Es habe sich um ein „lebendes Dokument“ gehandelt, das inzwischen in dieser Form nicht mehr existiere. Die Arbeitszeiten lägen stets im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben, so das Unternehmen. Ein Anwalt für Arbeitsrecht sah das anders: Teile des Dokuments könnten rechtlich bedenklich sein. Sollte es zu Streitigkeiten über Überstunden kommen, könnten Beschäftigte das Papier als Beleg nutzen, dass Mehrarbeit strukturell erwartet wurde.

Unabhängig von der rechtlichen Bewertung liefert der Leak einen seltenen Blick hinter die Kulissen eines der aktivsten Frühphasen-Investoren Europas. Antler hat in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und weiteren europäischen Märkten in mehr als 180 Unternehmen investiert – und betreibt ein Residency-Programm, bei dem Gründer ohne bestehendes Team oder fertige Idee starten können. Innerhalb weniger Wochen sollen sie Mitgründer finden, ihre Idee validieren und einen ersten Prototypen entwickeln. Kein Wunder also, dass das Team nah dran sein will: Laut Dokument sollen Teammitglieder bis zu 50 Prozent ihrer Zeit bei den Gründern verbringen.

Daten zum Thema: Deutsche Gründer arbeiten am meisten

Was das Dokument intern beschreibt, spiegelt sich auch in Antlers eigenen Daten wider. In einer Umfrage unter 129 Gründerinnen und Gründern aus dem Portfolio – befragt im März 2025 – gaben rund 76 Prozent aller Teilnehmenden an, 60 oder mehr Stunden pro Woche zu arbeiten. Bei den deutschen Gründern lag dieser Anteil sogar bei 94 Prozent – der höchste Wert in Europa. Gleichzeitig zählt kein einziger der deutschen Befragten finanzielle Belohnungen zu seinen primären Motivationsfaktoren. Impact und die Bereitschaft, der Beste im eigenen Bereich zu werden, stehen ganz oben.

Antler-General-Partner Christoph Klink, früherer McKinsey-Berater, benennt den eigentlichen Wettbewerb seines Hauses klar: nicht andere VCs, sondern die Entscheidung potenzieller Gründer, gar keine Firma zu bauen. Sein Rat an Gründer: konstant liefern, eng mit Kunden arbeiten und Fundraising als Ergebnis des Aufbaus verstehen – nicht als Selbstzweck.

Was andere deutsche Top-VCs erwarten

Der Antler-Leak hat Gründerszene veranlasst, bei anderen deutschen Top-VCs nachzufragen. Das Bild ist differenzierter als das geleakte Dokument vermuten lässt. Häuser wie HV Capital, Earlybird, Project A oder Cherry Ventures betonen zwar ebenfalls hohe Leistungserwartungen an ihre Portfolio-Gründer – doch intern kommunizieren die meisten eine flexiblere Arbeitskultur als Antler sie schriftlich fixiert hatte. Einigkeit besteht in einem Punkt: Wer VC-Kapital einsammelt, kauft sich damit auch einen bestimmten Erwartungshorizont ein.

Der deutsche VC-Markt hat nach den schwierigen Jahren 2022 und 2023 zuletzt wieder Fahrt aufgenommen. 2025 flossen rund 8,4 Milliarden US-Dollar in deutsche Startups – Platz drei in Europa. US-Growth-Fonds kehren zurück, aber selektiver: Sie investieren gezielt in Category Leaders, die in ihrem Segment klar führend sind. Für Gründer heißt das: Sektor-Timing und Narrative-Fit entscheiden stärker als je zuvor darüber, ob Kapital fließt.

Was der Leak für Gründer bedeutet

Die eigentliche Botschaft hinter dem Antler-Dokument ist keine über Arbeitszeiten. Sie ist eine über Erwartungsmanagement. Wer sich in ein Residency-Programm begibt oder Pre-Seed-Kapital von einem aktivistischen VC annimmt, schließt implizit einen Deal ab – und sollte verstehen, was dieser Deal beinhaltet. Nah dran sein, schnell liefern, Sichtbarkeit zeigen. Das ist keine neue Erkenntnis, aber selten so explizit zu lesen.

Worauf es beim Zugang zu Kapital tatsächlich ankommt, zeigt auch ein Blick auf die Angel-Szene: In einer Auswertung von über 50.000 Investor-Sessions hat sich gezeigt, dass Gründerpersönlichkeit und Vertrauen wichtiger sind als das Geschäftsmodell allein. Der Antler-Leak passt in dieses Bild: Investoren wollen die Menschen hinter der Idee kennen – und das kostet Zeit.

Für Gründer, die gerade überlegen, ob sie VC-finanziert aufbauen oder einen anderen Weg gehen wollen, gilt: Das Antler-Dokument ist kein Ausreißer. Es macht sichtbar, was in vielen VC-Beziehungen unausgesprochen vorausgesetzt wird. Wer das nicht einkalkuliert, erlebt früher oder später eine böse Überraschung – auf beiden Seiten des Tisches. Wie das Plattformrisiko bei KI-Startups zeigt, entstehen die gefährlichsten Abhängigkeiten oft dann, wenn man die Spielregeln des Partners nicht früh genug versteht.

Quellen

Beitragsbild: Foto von RDNE Stock project auf Pexels

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